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Malzfabrik Bad Langensalza

 

Malzfabrik Bad Langensalza

Malzfabrik Bad Langensalza: Für die industrielle Herstellung von Malz waren in Langensalza einst vier Malzfabriken in Betrieb. Die bekannteste Verwendung des Malzes ist neben der Herstellung von Whisky oder Malzkaffee überwiegend die zum Bierbrauen. Für den technologischen Prozess der Bierherstellung wurde das Malz ursprünglich von den brauberechtigten Bürgern im eigenen Haus hergestellt. Im Zuge der 1845 in Preußen neu erlassenen Gewerbe-Polizei-Ordnung eröffnete sich die Gewerbefreiheit. Viele Leute begannen mit der Einrichtung von Privatbrauereien, womit die Ära der industriellen Bierbrauereien eingeläutet und in deren Folge auch mit der industriellen Herstellung von Malz begonnen wurde.
Die Anregung zur Gründung einer Malzfabrik in Langensalza gab ein Erfurter Regierungsrat, der den hiesigen Bürgermeister Karl Adolf Cramer auf die landwirtschaftlich fruchtbare Lage der Stadt mit einem hohen Anbau an Gerste aufmerksam gemacht hatte. Bürgermeister Cramer griff diesen Hinweis auf und tat die nötigen Schritte zur Einrichtung einer Aktiengesellschaft für Malzfabrikation.
Für das geschäftliche Know-how erbat der Magistrat der Stadt im Juni 1872 den Magistrat der Stadt Sangerhausen um „Amtshilfe“, die Statuten der dortigen, bereits bestehenden Aktien-Malzfabrik zur Orientierung in Abschrift mitzuteilen.
Weiterhin wurde der Bierbrauerei-Besitzer Christian Gottfried Reise um Kooperation gebeten. Durch seine 1845 auf dem Ziegelhof 10 im „Blauen Haus“ gegründete Privatbrauerei verfügte er über einen langjährigen Erfahrungsschatz, der ihn für beraterische Tätigkeiten als sachverständiger Techniker auf dem Gebiet der Mälzerei prädestinierte. 1872 erfolgte auf dem Areal Ziegelhof 10 die Gründung der Aktien-Malzfabrik Langensalza mit einem festgesetzten Aktienkapital von 50000 Talern. Nach dem Abbruch der Brauerei wurde mit dem Bau der Fabrik, bestehend aus Darre, Kesselhaus, Maschinenstube, Speicherraum, Comtour und Quellhaus (Tenne), begonnen. Die Bauausführung wurde dem Maurermeister Richard Tetzner und dem Zimmermeister Edmund Walter übertragen. Ein reibungsloser Absatz in der Folgezeit führte zu einer stetigen Vergrößerung der Fabrikanlagen. 1884 wurde eine neue Malzdarre an das bestehende Speicherhaus angebaut und 1892 eine neue Malztenne errichtet.
Das an das Grundstück anstoßende Gebäude Ziegelhof 9 wurde 1899 von der Gesellschaft für 6500 Mk. angekauft. Für eine flexible Verkehrsanbindung passte man sich um 1900 durch den Bau einer steinernen Brücke über den Umflutgraben an der Eisennacherstraße den Gegebenheiten an und ermöglichte eine Ausfahrt nach Süden. 1907 wurde der Fabrikbesitzer Ernst Weiß zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Malzfabrik ernannt und unter seiner Leitung führte man 1911/12 einen Speicherhochbau durch, der an den sog. „Weißen Turm“ heranreicht. Dem Fabrikneubau wurden die Lichtöffnungen des bestehenden Turmes angepasst, um eine optische Harmonie zum mittelalterlichen Stadtturm zu ermöglichen. Mit dem Ankauf des Hauses Ziegelhof Nr. 8 vergrößerte sich ab 1912 das Gelände erneut. Die Notzeiten infolge des 1. Weltkrieges verantworteten 1919 die Einstellung des Mälzereibetriebes Ziegelhof 10. Mit der Umstellung auf die Rübentrocknung entsprach man den Erfordernissen, denn die hergestellte Trockenware diente zur Brotstreckung.

Malzfabrik-Bad-Langensalza

Malzfabrik-Bad-Langensalza

Parallel zum Ziegelhof 10 produzierten drei weitere Malzfabriken an verschiedenen Standorten. In der Langen Str. 35 entschied sich 1877 der Bierbrauer Konrad Hartung dazu, seine bestehende Brauerei im Gebäude so zu erweitern und umzubauen, dass er zusätzlich Malzhandel betreiben konnte. 1911 kam es an diesem Ort zur Gründung der Mitteldeutschen Malzfabrik und zum gänzlichen Umbau der Brauerei zur Malzfabrik. 1884 gründete Ernst Carl Hesse in der Eisenacher Str. 16 (heute Gelände der „Traco“, angrenzend an die Seufzerallee) die Thüringer Malzfabrik Langensalza AG. Unweit dessen expandierte der Direktor Hesse im Jahre 1898. Der Thüringer Malzfabrik Langensalza AG zugehörig, entstand auf dem Gelände Eisenacher Str. 11 (heute Einkaufsmarkt „Plus“ zuzgl. Parkplatz) eine weitere Mälzerei.
Nach einer Verschmelzung der Langensalzaer Gesellschaften entstand unter dem Generaldirektor Otto Geisler das Stammunternehmen, das im Frühjahr 1922 der weithin bekannten Erfurter Malzfabrik Hermann Wolff und Söhne angegliedert wurde. Einhergehend hob man das Grundkapital auf 3 Millionen an. Unter der Bezeichnung „Malzfabriken Langensalza und Wolff und Söhne Erfurt AG, Zweigniederlassung Langensalza“ vereinten sich die Abteilungen Ziegelhof (Ziegelhof 9/10), Mitteldeutsche Malzfabrik (Lange Str. 35), Abteilung Rundbau (Eisenacher Str. 11), Abteilung Altbau (Eisenacher Str. 16). Eine fatale Fehlentscheidung Geislers im Spekulationsgeschäft ruinierte seit 1929 das bis dahin gesunde Unternehmen bis zum Zusammenbruch 1932. Selbst nach Zusammenlegung und Herabsetzung des Aktienkapitals glätteten sich die finanziellen Wogen nicht. Ferner steuerten wichtige Kriterien wie die Gerstenernte oder der Bierkonsum den Erfolg des Unternehmens. Nicht optimal verlaufende Geschäftsjahre 1936 und 1938 verschuldeten weitere Herabsetzungen des Grundkapitals. Im Jahr 1939-40 hatten die Mälzereien gar nur eine Zuteilung von 50% der im letzen Jahr verarbeiteten Gerste erhalten, woraufhin der Betrieb mit Einschränkungen bei den Beschäftigten reagieren musste. Zeitbedingt wurden sogar alle Trockenanstalten in Deutschland auf der Grundlage des § 26 des Reichsleistungsgesetzes zur kriegswirtschaftlichen Produktion aufgefordert, d.h., nicht benötigte Fabrik-räume wurden vom Reichsfiskus (Heer) in Anspruch genommen. Währenddessen fungierten die Kellerräume als Luftschutzkeller für die Betriebsangehörigen. Die kriegsbedingte Beschäftigungsflaute führte 1940 zu einer weiteren Herabsetzung des Grundkapitals, womit Verluste ausgeglichen werden sollten. Nach dem Krieg veranlasste die Sowjetische Militäradministration als Verwaltungshoheit die Sequestration und entließ den Aufsichtsratsvorstand. Auf der Grundlage der Durchführung des SMAD-Befehls 124 (Beschlagnahmung von Vermögenswerten) wurde der Betrieb „Malzfabriken Langensalza und Wolff und Söhne Erfurt AG“ mit Wirkung vom 18. Juli 1946 in das Eigentum des Volkes überführt. Von der Gründung sozialistischer Firmenverbände wurden die Malzfabriken nicht ausgeschlossen.
Innerhalb der Zentralverwaltungswirtschaft in der DDR wurden volkseigene Betriebe mit ähnlichem Produktionsprofil zu Kombinaten zusammengeschlossen. So entstand am 1. Februar 1957 das VEB (K) Lebensmittelkombinat Bad Langensalza, bestehend aus Betrieb I: Malzfabrik, Betrieb II: Mühlenwerke VEB Mühle Langensalza, Betrieb III: Biowita Werk Langensalza eGmbH und Betrieb IV: Dryburg Kellerei. Das Produktionsende der Malzfabriken war aus den vorhandenen Unterlagen nicht zu entnehmen. Die Abteilungen in der Eisenacher Str. 11. und 16 wichen anderen Vorhaben und kamen z. T. vollständig zum Abriss. Das Fabrikgebäude am Ziegelhof wurde von den örtlichen Behörden als Fertigwarenlager der hiesigen VEB Leder- und Schuhfabrik Bad Langensalza zugewiesen. Das gesamte Bauwerk brannte am 9.4.1987 nieder und der Abriss der Ruine wurde von Januar bis Februar 1990 durchgeführt. Einzig das Gebäude in der Langen Str. 35 steht nach wie vor. Aktuell erhielt das Objekt durch die Bauhaus-Uni Weimar ein Umnutzungskonzept, dessen Umsetzung jedoch in den Sternen steht.

Quelle: Nadine Michel, Stadtarchiv Bad Langensalza

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